Drei Fragen an … Autorin Nina Blazon

Nina, wann hast du dein erstes Buch veröffentlicht und wie kam es dazu?

Die erste Veröffentlichung war ein Fantasy-Roman für Jugendliche mit dem Titel „Im Bann des Fluchträgers“. Erschienen ist er im Jahr 2003, und zwar auf einem wohl recht ungewöhnlichen Weg. Der Ueberreuter-Verlag (damals noch in Wien) schrieb zu der Zeit den Wolfgang-Hohlbein-Preis aus. Gesucht wurden bisher unveröffentlichte Manuskripte aus dem Genre Jugend-Fantasy. Ich reichte mein Manuskript ein, hatte das Glück, diesen Preis zu bekommen und war nun Ueberreuter-Autorin. Das war mein Einstieg in die Branche. Spannend finde ich im Nachhinein, wie unterschiedlich das Manuskript bewertet wurde. Bevor ich es für den Wettbewerb einreichte, hatte ich ein Feedback von einem Fantasy-Fachmann bekommen, der dem Buch wenig Chancen für eine Veröffentlichung einräumte. Ein Jahr später hielt ich das gedruckte Exemplar in den Händen. Es kann also durchaus unterschiedlich sein, wie die ersten Einschätzungen eines Textes sind.

 

Wie läuft die Zusammenarbeit mit einer Lektorin/einem Lektor und inwieweit ist diese Zusammenarbeit hilfreich?

Da jede Lektorin anders ist (ich habe tatsächlich ausschließlich Lektorinnen) und die Abläufe je nach Verlag auch unterschiedlich sind, läuft jede Zusammenarbeit etwas anders ab. Manchmal hat ein Verlag ein „Wunschthema“ (z.B. Wasserwesen), das erfahre ich vom Lektorat. Nach diesem Gespräch, in dem es um Lesealter, Programmplatz und weitere Infos geht, beginnt meine Arbeit. Ich schreibe ein Exposé und die Lektorin schaut es sich an, wir diskutieren manchmal, dann stellt sie es bei der Programmleitung vor. Die Lektorin ist es, die in der Konferenz das Buch sozusagen intern an den Verlag bringt. Manchmal kommt es vor, dass das Exposé in der Programmkonferenz abgelehnt wird, dann reiche ich Idee Nummer zwei ein – oder auch noch Nummer drei. Ich hatte aber schon oft den Fall, dass meine Lektorin eine Buchidee voller Beharrlichkeit und Begeisterung verteidigt und schließlich durchgesetzt hat, obwohl es im Verlag kritische Stimmen gab, dass die Geschichte (… oder die Epoche, in der das Buch spielt, oder das Thema, oder die Personenkonstellation, oder, oder, oder …) nicht marktgängig oder verkäuflich genug sein könnte. Ist das Exposé „durch“, dann fange ich an zu schreiben. Das ist eine Variante, wie eine Zusammenarbeit für ein Buch beginnen kann. In anderen Fällen bin ich es, die mit einer Buchidee an den Verlag herantritt. Dieses Wunschthema schlage ich erst meiner Lektorin vor im besten Fall gelingt es mir, auch sie für das Thema und die Geschichte zu begeistern. Hier reiche ich gleich ein Exposé und eine Leseprobe ein. Beim Schreiben eines Textes ist die Lektorin dann jederzeit meine Ansprechpartnerin – wenn ich einfach berichten möchte, wo ich stehe, wenn es Diskussionsbedarf gibt oder ich eine Einschätzung brauche, weil ich z.B. etwas Gewagtes ausprobieren möchte oder feststelle, dass die Geschichte doch eine größere Änderung benötigt (denn was im Exposé gut klingt, muss in einem langen Text nicht automatisch gut funktionieren). Mit einigen Lektorinnen arbeite ich schon sehr lange zusammen, wir kennen einander so gut, dass man gar nicht viele Worte braucht, um zu wissen, was der andere meint. Bei diesen gewachsenen Beziehungen schätze ich die Freiheit, die mir eingeräumt wird und das Vertrauen in mich als Autorin, dass auch eine Idee, die erst einmal schräg klingt, im Text funktionieren wird. Inspirierend ist das gemeinsame Sprechen über die Figuren, die Handlungsstränge, die stilistischen Mittel und Finten, über Sprachbilder und Textwirkung, dabei kommt noch vieles in Gang, entzünden sich neue Gedanken und Ideen. Und absolut hilfreich ist die konstruktive Kritik am Text. Wenn man schreibt, sieht man bei manchen Szenen (meine Erfahrung) oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, da hat ein Lektor den objektiven Blick – und auch ein Auge auf den späteren Leser.

 

Hättest du drei Tipps für angehende Autorinnen/Autoren, die dir in deinen Anfängen geholfen hätten?

Erstens: Testlesern (und vor allem Lektoren) auch bei kritischen Anmerkungen zuhören. Und zwar erst einmal, ohne zu antworten, zu erklären und zu verteidigen. Das kann gerade am Anfang noch schwer sein, aber trotzdem: notfalls auf die Unterlippe beißen, das Taschentuch würgen und einfach nur zuhören und ein paar Tage in sich gehen – und dann mit kühlem Kopf entscheiden, ob und wie man davon profitieren kann. Oder ob man für sich selbst entscheidet: „Nein, das sehe ich anders und der Text bleibt an dieser Stelle genau so, wie er ist.“ Und falls man sehr unsicher ist, hilft es oft, mehrere Meinungen von Testlesern einzuholen. Wenn drei von vier Lesern unabhängig voneinander sagen, dass sie bei Szene XY angefangen haben, querzulesen, weil es nicht mehr so spannend war, dann sollte ich als Autor aufhorchen und …

… zweitens: Kürzen. Ja, auch dann, wenn in genau dieser Szene mein ganzes Herzblut steckt und ich wortreich argumentieren könnte, warum es künstlerisch wertvoll ist, die Szene genau so zu schreiben. Im Englischen gibt es dafür den schönen Satz „Kill your darlings“. Das fühlt sich erst nicht schön an, aber man staunt dann doch, wie sehr der Text dadurch gewinnen kann. Stephen King schwört sogar darauf, grundsätzlich zwanzig Prozent jedes Textes zu kürzen.

Drittens: Geduld haben und gerade am Anfang seines Autorendaseins der Entwicklung und Festigung der eigenen Erzählstimme viel Raum und Zeit geben. Das bedeutet auch, seine Texte nicht vorschnell und wahllos zur Beurteilung unter das Volk (oder ins Internet) zu werfen, sondern lieber erst in einer dunklen Schublade ruhen zu lassen und ihn erst mit viel zeitlichem und emotionalem Abstand noch einmal lesen (und in der Zwischenzeit: andere Texten schreiben!). Und wenn man dann einen Text herausgibt, sehr genau entscheiden, wem man zuhört. Verwandten und besten Freunde, die den Text mögen, weil sie den Autor lieben: Schmeichelhaft, aber nicht immer hilfreich. Und auch bei Kollegen sollte man gut auswählen, denn Schreiben ist ja auch eine Art, die Welt durch die eigenen Augen und Erfahrungsfilter zu betrachten. Oft neigen Autoren (verständlicherweise) dazu, einen Text vornehmlich durch den eigenen Filter zu betrachten. Das heißt, wenn ich auf meine besondere Art Fantasy-Romane schreibe, werde ich dazu tendieren, eher Vorschläge zu machen, wie ICH den Text schreiben würde – im guten Glauben, dass dieser Tipp sehr hilfreich sein wird, denn für mich ist es ja DIE Art zu schreiben. Das kann für Autor A, der vielleicht ähnlich tickt wie ich, tatsächlich nützlich sein, Autor B dagegen eher verunsichern und im schlimmsten Fall Autor C völlig von seinem eigenen Stil abbringen oder im Schreiben blockieren. Vor allem dann, wenn Autor B und C erst am Anfang stehen und ihre eigene, besondere Stimme noch ausbilden und suchen. Und ja, natürlich ist Schreiben auch Handwerk, deshalb ist es natürlich nicht verkehrt, sich als zukünftiger Krimi-Autor erklären zu lassen, wie ein klassischer Krimi aufgebaut ist. Aber mit Handwerk allein entsteht kein Buch (zumindest nicht die Art von Buch, die man gerne liest, oder?). Geschichten, die den Leser packen und berühren, ihn durchrütteln (und manchmal auch neue Trends setzen), zeichnen sich unabhängig vom Genre vor allem durch ihren unverwechselbaren Ton aus, durch ganz eigene Perspektiven und Gedanken, durch Figuren, die man so noch nicht kennt, und Twists, die man so nicht erwartet hätte. Und diesen ganz persönlichen Stil entwickelt man nicht, indem man auf Patentrezepte anderer hört, sondern, indem man am Anfang aufmerksam genug der eigenen Erzählerstimme lauscht, ihr etwas Vorschussvertrauen gibt und ihr Raum und Zeit zum Wachsen gibt.

 

Nina Blazon ist Journalistin und erfolgreiche Autorin von Jugendbüchern in den Genres Fantasy, Krimi und Historischer Roman. Im Juli erscheint ihr erster Roman für erwachsene Leser, „Liebten wir“ bei Ullstein und im Oktober das Jugendbuch „Der Winter der schwarzen Rose“ bei cbt. Erfahren Sie mehr über Nina Blazon auf ninablazon.de.

 

www.deintextdeinbuch.de

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