Drei Fragen an … Fantasy-Blogger und Moderator Christian Handel

 

Herr Handel, auf welche drei Dinge sollten Fantasy-Autoren beim Schreiben achten?

Drei Dinge? Sie machen es einem wirklich nicht leicht, zumal man diese Frage aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann. Vorausschicken möchte ich deshalb, dass ich im Folgenden nicht drei Dinge nenne, die einen Bestsellererfolg garantieren. (Wenn ich das könnte, hätte ich dieses Wissen schon längst in bare Münze verwandelt!) Vielmehr möchte ich eine Vorstellung davon vermitteln, was für mich persönlich einen gelungenen Phantastik-Roman ausmacht.

Erstens: Überzeugende Charakterentwicklung und spannender Weltenbau

Für mich steht und fällt ein Roman oft mit den (Haupt-)Figuren: Sind sie mir sympathisch – oder zumindest nachvollziehbar? Sind sie vielschichtig? Sind sie am Ende des Romans noch die gleichen, die sie auch am Anfang waren (das nämlich hoffentlich nicht!). Überraschen sie mich, d. h. machen sie in der zweiten Hälfte des Buches etwas, das zu ihnen passt, mit dem ich aber trotzdem nicht gerechnet hätte? Das sind oft die Momente, die mich beim Lesen die Luft anhalten lassen, die sich mir ins Gedächtnis einbrennen. (Patricia Briggs hat mir in einem Interview einmal verraten, wann für sie eine Figur beim Schreiben lebendig wird. Das war ein kleiner Augenöffner für mich. Wer sich dafür interessiert, findet das Interview hier: http://www.fantasy-news.com/2009/05/16/interview-mit-patricia-briggs/)

Ein Thema, auf das ich beim Lesen stark achte ist, wie vielfältig die Figuren sind. Das Thema „diversity“ ist vor allem in den USA im Fokus. Und auch, wenn man alles übertreiben kann, finde ich es wichtig, einem bunten Cast und unterschiedlichen Charakteren zu begegnen: Vom klassischen Helden-Gespann – er Schwert-Kämpfer, sie Prinzessin oder Zauberin – sind wir zwar schon lange weg, aber die Mehrzahl der Protagonisten im Fantasy-Roman ist auch heute noch weiß und heterosexuell. Oder wie viele asiatische oder dunkelhäutige Fantasy-Ikonen oder lesbische oder gar transsexuelle Protagonisten fallen ihnen in der High Fantasy spontan ein? Es kann sowohl spannend als auch lehrreich sein, über gehbehinderte oder stumme Helden zu lesen. Weil ich schwul bin, halte ich selbst immer wieder Ausschau nach Romanen, die andersartige Helden besitzen. Auf meinem Blog stelle ich diese im Rahmen der Rubrik „Gay Friday“ vor, und auch, wenn ich zahlreiche Titel aus Übersee finde und hier bei uns Titel bei Kleinverlagen, so sind solche Helden noch immer sehr rar zu finden. Unterschiedliche Helden zu haben, bereichert meiner Ansicht nach aber eine Romanwelt, und durch Figuren aus anderen Kulturkreisen kann durchaus eine Geschichte noch eine besondere Würze bekommen. Außerdem – und jetzt der Tipp für die Autoren – hilft das vielleicht, mit seiner Geschichteaus der Flut der Veröffentlichungen herauszuragen.

Jetzt bin ich zwar ziemlich ausgeschweift, aber erlauben Sie mir bitte, noch kurz auf das Thema Weltenbau zu kommen. Ich dachte lange, für mich sei er weniger wichtig als die Figuren. Was mir aber auffällt ist, dass ich mich für tolle, ungewöhnliche Landschaften und magische Orte, für spannende Magie- und Klassensysteme total begeistern kann. Was wären die Harry Potter-Bücher, wenn Hogwarts nicht so detailliert beschrieben wäre? Ein für sich stehender Einzelroman schafft es vielleicht, einen Leser trotz nur durchschnittlicher Figuren und durchschnittlichem Weltenbau bis zu seinem Ende zu tragen, wenn der Plot wahnsinnig spannend und besonders ist. Aber zu Buch 2 würde ich nur greifen, wenn mir Welt und Figuren richtig gut gefallen und ich wieder dort eintauchen will.

Zweitens: Keine Angst vor Klischees – die sind nämlich eure Freunde

Oft hört man ja, wie klischeehaft Figuren oder Handlungsmomente sind und wie schrecklich öde das wäre. Ich habe festgestellt, dass mir mitunter die eine oder andere Standard-Zutat sogar fehlt, wenn ich sie nicht bekomme. Die Fantasy ist ein Genre, das von alten Mythen und Märchen inspiriert ist. Und die arbeiten oft mit Bildern, die ich auch im Roman liebe: die intrigante Hofdame oder der mutige Bogenschütze ohne Geld, aber mit Ehre; der Zauberspiegel, der Fluch, die verbotene Liebe, die nicht sein darf, selbst die uralte Prophezeiung. Das schreckt mich nicht ab, wenn man dem Motiv etwas Neues abgewinnt oder das Klischee auch mal bricht. Im Gegenteil, es zieht mich sogar bewusst zu Geschichten, die ich so schon ähnlich kenne – weil ich neugierig bin, welche neue Facetten der Autor dem Motiv diesmal abgewinnt. Marissa Meyers „Wie Monde so silbern“ ist im Prinzip eine gewöhnliche Aschenputtel-Nacherzählung. Dadurch aber, dass die Autorin ihre Geschichte in eine phantastische Zukunft versetzt und aus Aschenputtel einen Cyborg macht, der statt eines Schuhs gleich den ganzen Fuß verliert, wirkt das klassische alte Märchen frisch.

Drittens: Brennt für eure Geschichte

Zum einen meine ich damit: Schreibt das, was euch auch selbst begeistert. Nicht nur, weil euch die Arbeit dann vermutlich mehr Spaß macht, sondern auch, weil man das dem Endergebnis anmerkt. Zum anderen meine ich aber auch: Investiert Zeit in eure Geschichte. Ob ihr nun vorher ausführlich plottet oder Bauchschreiber seid: Nehmt euch viel, viel Zeit, am Manuskript zu feilen, es zu überarbeiten, umzuschreiben; um Dinge zu streichen oder winzigkleine Details einzubauen, umzustellen und zu verändern. Das kann eine ohnehin schöne Geschichte zum Strahlen bringen. Ich weiß, für Profi-Autoren ist Zeit Geld, und sicher gibt es hervorragende Autoren, die eine Geschichte im ersten Guss schreiben können und dann nichts mehr ändern müssen. Aber in 95% der Fälle habe ich das Gefühl, dass man einem Roman anmerkt, ob der Autor intensiv daran gefeilt hat, oder man eine (vielleicht auch sehr gut) lektorierte Erstfassung liest. Am schlimmsten ist es freilich, wenn der Autor gegen die Zeit schreibt und man als Leser Gefühl bekommt, dem Schriftsteller sei irgendwo die Luft ausgegangen. Ein solches Buch lese ich vielleicht fertig, ob ich aber zum zweiten oder dritten Roman des Autors greife, ist zweifelhaft.

 

Welche Trends zeichnen sich Ihrer Meinung nach aktuell in der Fantasy ab?

Ich bin kein Freund davon, Trends zu prognostizieren und ohnehin würde ich keinem Autor empfehlen, Trends hinterherzujagen. Wer jetzt feststellt, dass sagen wir Geistervillen das neue große Ding wären und nun anfängt, ein Buch zu entwerfen und zu schreiben, der hat vielleicht erst dann ein Manuskript fertig, wenn der Trend schon wieder durch ist. Natürlich liest sich an den aktuellen Programmen der Publikumsverlage deren Hoffnung ab, dass STAR WARS das Interesse an der Science Fiction oder Science Fantasy wieder auflodern lässt. Wer ohnehin ein solches Manuskript in der Schublade hat, hat sich damit also hoffentlich bereits vor einem halben Jahr ins Gespräch gebracht. Zudem könnte mir gut vorstellen, dass wir von der „dark and gritty“ Fantasy, wie sie gern bezeichnet wird, bald wieder etwas weg gehen. Auch wenn sie vermutlich (erfreulicherweise) nicht aus den Regalen verschwinden wird, wäre ich nicht überrascht, wenn viele Leser sich bald nach etwas anderem, helleren, leichteren und bunterem sehnen. Persönlich freue ich mich, dass die Fairy Tale Fantasy in den USA weiter auf Erfolgskurs bleibt und auch in Deutschland häufiger als noch vor ein paar Jahren Titel aus diesem Subgenre veröffentlicht werden. Aber die ist mein Steckenpferd und trotz allem nur eine Nische. Was ich durchaus als kleinen Trend in den Kinderschuhen feststelle, ist allerdings der oben erwähnte Umstand, dass in Übersee die Romane langsam stärker mit Figuren bevölkert werden, die nicht mehr nur noch Mainstream sind.

 

Im Fantasy-Bereich gibt es eine große Online-Community. Können Sie bestimmte Blogs oder Autoren-Websites besonders empfehlen?

Das Internet ist eine große Spielwiese, wo jeder seine Nische finden kann, und das ist auch gut so. Ich selbst bin auf vielen deutsch- und englischsprachigen Blogs unterwegs. Einige davon findet man auf meiner Blogroll – das sind aber bei weitem nicht alle. Jetzt einzelne herauszupicken und zu benennen: da könnte ich mir bei den geschätzten Kollegen nur die Finger verbrennen!

Deshalb stellvertretend vielleicht der Hinweis auf eine US-Community-Website, die ich beinah täglich besuche: tor.com. Hier findet man Rezensionen, Buchbesprechungen, Newsmeldungen und sehr unterhaltsame Re-Reads und Artikel auch aus der Feder von Phantastikautoren.

Persönlich finde ich, dass viele Portale und Blogs das Feld bereichern – vor allem, wenn nicht gerade die brandaktuelle Neuerscheinung besprochen wird, sondern auch mal unbekanntere oder ältere Titel vorgestellt werden. Als großer Freund von Autoreninterviews freue ich mich immer wieder, wenn ich solche irgendwo entdecke.

Und da wären wir bei der Zusammenarbeit von Autoren und Bloggern: Content is King, sagt man so schön, und ich glaube, da können wir uns gegenseitig helfen. Ein inhaltlich qualitativer Beitrag spricht Blog-Besucher an, und darüber freuen sich dann alle. Im besten Fall wird der Blog-Leser auf Titel und Autoren neugierig gemacht, die er vorher noch nicht auf dem Schirm hatte. Da versteht es sich von selbst, dass ein schönes Interview oder ein individueller Newsbeitrag cooler ist als einfach nur ein Kurzzitat des Verlagstextes einer Neuerscheinung.

Allerdings muss ich sagen: Ich blogge seit 2008 und die Anzahl an E-Mails, die ich inzwischen von Autoren bekomme, ist sehr stark gewachsen. Wie sicher viele andere Blogger auch bin ich zeitlich stark in anderen Dingen eingespannt. Oft kann ich diesen Anfragen nicht nachkommen. Vielen Bloggern geht es so wie mir. Als Autoren habt ihr größere Chancen, aus der Masse herauszustechen, wenn ihr uns Blogger individuell anschreibt, euch also die Mühe macht, ins Impressum zu schauen und keine Rundmail zu schicken mit dem Anfang „Liebe Bloggerinnen und Blogger …“. Natürlich freuen wir uns wahnsinnig darüber, dass ihr uns Lese-Exemplare anbietet und unsere Meinung und unseren Einfluss schätzt, aber habt bitte Verständnis dafür, dass auch unser Tag nur 24 Stunden hat. Mein Tipp deshalb: Schlagt in eurer E-Mails gleich noch eine Alternative zum Lese-Exemplar vor. Eine Verlosung etwa, oder aber einen kleinen Gast-Beitrag, der eure Hauptfigur zum Thema hat oder ähnliches, und der auch etwas verrät, was über die allgemeine Verlagsbeschreibung hinausgeht. Wichtig: Den Text bitte nicht mitschicken, sondern vorschlagen. Und dann schauen, was sich entwickelt. Im besten Fall ein befruchtender E-Mails-Austausch mit daraus resultierenden Blog-Beiträgen, die für alle Seiten toll sind!

 

Christian Handel, in Unterfranken, lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Berlin. Seit 2008 bloggt er auf seiner Website www.fantasy-news.com über phantastische Bücher, Serien, Comics und Hörbücher. Neben Newsmeldungen und Rezensionen findet man auch zahlreiche Interviews mit nationalen und internationalen Autoren. Sein Blog wurde 2014 in der Kategorie „Beste Internet-Seite“ mit dem dritten Platz des Deutschen Phantastik Preises ausgezeichnet. Im Frühjahr erschien seine erste professionell veröffentlichte Fantasy-Kurzgeschichte in der von Fabienne Siegmund herausgegebenen Anthologie „Die Irrlichter“. Christian begutachtet Manuskripte und gehört seit Jahren zum festen Redaktionsstamm des monatlich erscheinenden Printmagazins „NAUTILUS – Abenteuer & Phantastik“ (www.fantasymagazin.de). Seit 2012 moderiert er zudem Lesungen und Autorenveranstaltungen wie etwa das jährliche Piper Fantasy Panel auf der Frankfurter Buchmesse oder die Knaur Fantasy-Lesebühne auf dem Literaturfest Meißen.  Über Anfragen von Verlagen und Autoren freut er sich immer!

 

www.deintextdeinbuch.de

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