Drei Fragen an … Lektor Carlos Westerkamp

Carlos, wie läuft die Zusammenarbeit zwischen dir als freiem Lektor mit Autoren üblicherweise ab?

Am Anfang steht für den freien Lektor der Auftrag: In vielen, wenn nicht den meisten Verlagen werden die Manuskripte ab einem gewissen Punkt nicht mehr im Haus, sondern von Außenlektoren bearbeitet. Oft geben die Verlagslektoren dem Autor zunächst inhaltliche und strukturelle Hinweise und es erfolgt ein Überarbeitungsdurchgang, manchmal spricht sich der Verlagslektor auch direkt nach der Akquise mit seinem freien Kollegen ab und legt alles weitere in dessen Hand.

Habe ich also den Auftrag und das Manuskript bekommen, bin über die wichtigsten Punkte und Wünsche des Verlags informiert und kenne die Termine, so stelle ich mich dem Autor vor: zunächst per Mail, gelegentlich auch noch einmal telefonisch. Wenn ich den Text redigiert und ggf. Kommentare mit Fragen und Hinweisen eingefügt habe, erfolgt das Feedbackgespräch – in der Regel am Telefon. Wann immer es geht, bemühe ich mich aber, die Autoren persönlich zu treffen. Diese Gespräche und Begegnungen sind oft interessant und produktiv und gehören zu dem, was diesen Beruf für mich so reizvoll macht.

Das redigierte Manuskript schicke ich mit einer Mail, in der die wichtigsten Punkte noch einmal aufgeführt sind und der Verlagslektor im CC steht (er soll ja schließlich sehen, dass ich etwas tue für mein Geld), an den Autor. Dieser überarbeitet, setzt meine Anregungen um und nimmt meine Änderungen an – oder er verfasst seinerseits einen Kommentar mit einer Begründung, warum er dies nicht möchte. Nun geht das Manuskript so oft hin und her, bis alle Beteiligten zufrieden sind (oder mehr oder weniger zähneknirschend einem Kompromiss zugestimmt haben).

Schließlich bekommt der Verlagslektor das redigierte Manuskript. Unter Umständen liest er es auch noch einmal, auf alle Fälle aber leitet er es an die Herstellung weiter, damit die Fahnen gesetzt werden können, und beauftragt den Korrekturleser.

Dieser ganze Prozess kann mehrere Monate, unter Zeitdruck aber auch nur wenige Wochen umfassen, und ist oft mit intensiver (Zusammen-)Arbeit und gelegentlich auch mit ebensolchen Emotionen verbunden. Am Ende steht jedoch bei Autor wie Lektor fast immer das befriedigende Gefühl, dass man alles getan hat, um ein möglichst gutes Manuskript abzuliefern.

 

Was macht eine Figur zu einer überzeugenden Figur?

Eine Figur überzeugt, wenn sie menschlich ist. Wenn sie etwas an sich hat, in dem man sich als Leser wiedererkennt, mit dem man sich identifiziert. Selbstverständlich ist es hilfreich, wenn ein Charakter lebendig und plastisch beschrieben ist, wenn er lebensecht und seine Sprache natürlich wirkt und er nicht als Klischee daherkommt.

Was eine gute Figur aber im Kern ausmacht, ist ihre Menschlichkeit. Egal ob sie grotesk überzeichnet oder ein schlimmer Bösewicht ist, ob es sich um eine Katze, ein Auto oder einen Haufen Stroh handelt – sobald die Figur eine Seele erhält und der Leser einen Ansatzpunkt findet, in dem er sich selbst gespiegelt sieht, wird sie funktionierten.

Vom Schreiben her gedacht: Eine Figur wird dann überzeugen, wenn der Autor mit ihr fühlt. Wenn Sie einen Charakter aus äußerer Notwendigkeit heraus oder aufgrund von abstrakten Überlegungen am Reißbrett entworfen, aber kein konkretes Bild vor Augen und kein Gefühl für seine Emotionen haben, entwickeln Sie ihn besser neu. Oder: Nehmen Sie sich die Zeit und versuchen Sie die Figur besser kennenzulernen – etwa indem Sie eine ausformulierte Biografie, ruhig von zehn bis zwanzig Seiten Länge, schreiben.

 

Hättest du drei Tipps für Autoren, worauf sie bei der Verlagssuche achten sollen?

Die wichtigsten Disziplinen bei der Verlagssuche sind für mich Chemie, Mathe und Religion (wer sich nur für Deutsch und Kunst interessiert, sollte sich zunächst eine Agentur suchen):

Chemie: Passen die Elemente zusammen, also das Manuskript ins Verlagsprogramm, der Verlag zum Manuskript? Fühle ich mich vom Verlagsauftritt angesprochen, finde ich meinen Ansprechpartner im Verlag sympathisch? Die Zusammenarbeit kann sehr intensiv sein, Konflikte können zu lösen und Kompromisse zu finden sein – kann ich mir das vorstellen?

Mathe: Stimmen die Zahlen, also die ökonomischen Rahmenbedingungen insgesamt (nicht nur das Honorar)? Damit meine ich nicht nur das Honorar: Ist der Verlag fähig, Titel erfolgreich im Markt zu platzieren, vielleicht sogar Bestseller zu produzieren? Und: Erreicht er die Zielgruppe Ihres Manuskripts? Unter Umständen kann ein kleiner Nischenverlag sogar besser geeignet sein als ein großer Publikumsverlag.

Religion: Welche Perspektive bietet mir der Verlag? Habe ich ein gutes Bauchgefühl, glaube ich, dass eine Zusammenarbeit langfristig segensreich sein kann?

Und noch ein Wort zum Sonntag: Meiden Sie Bezahlverlage (reine Dienstleister wie Book-on-Demand-Anbieter sind wieder etwas anderes). Wer sich als klassischer Verlag ausgibt und Geld fürs Lektorat oder Druckkostenzuschüsse verlangt, arbeitet nicht seriös.

 

Carlos Westerkamp hat zehn Jahre als Lektor bei einem großen deutschen Publikumsverlag gearbeitet und sich 2010 als freier Lektor selbständig gemacht. Neben seiner Tätigkeit als Lektor und Übersetzer hat er zusammen mit zwei Kollegen ERFOLGSGESCHICHTEN gegründet, einen Dienstleister, der Menschen dabei unterstützt, ihre eigene Biografie oder Unternehmensgeschichte in Buchform zu bringen. Mehr über Carlos Westerkamp finden Sie auf cwesterkamp.de und erfolgsgeschichten.de.

 

www.deintextdeinbuch.de

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