Gelesen: Harper Lee, Gehe hin, stelle einen Wächter

Ich habe ein Buch gelesen, das ich lange sehnsüchtig erwartet habe. Ich habe die Kampagne um die Veröffentlichung in den USA und UK verfolgt, darüber getwittert und die Cover-Version des deutschen Verlages DVA gelobt.

Und dann habe ich Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee endlich gelesen.

Ich habe gehofft, es so sehr zu lieben wie Wer die Nachtigall stört. Denn dieses Buch war eines der Bücher meiner Kindheit: Ich wollte so frei und wild sein wie Scout. So mutig und klug. Natürlich habe ich damals noch lange nicht alles verstanden, was darin stand. Aber das Buch hat so unglaublich viel Atmosphäre transportiert, so viel Abenteuer.

All das hat mir im Wächter gefehlt. Der Roman beginnt schon so langatmig und handlungsarm, dass ich mich durch die ersten rund 130 Seiten kämpfen musste. Jean Louise (Spitzname Scout) ging mir mit ihrer Selbstgefälligkeit auf die Nerven und ihr Jugendfreund Hank, der auf baldige Heirat hofft, in seiner Naivität und Anhänglichkeit auch.

Erst mit der direkten Ansprache des in den 50er-Jahren immer politischer werdenden Rassismus‘ kam für mich Spannung auf. Zu den Höhepunkten in diesem Zusammenhang gehören sicherlich der Besuch von Jean Louise bei der alten schwarzen Haushälterin Calpurnia, die sich von Jean Louise und ihrer Familie abgewandt hat und der schmerzliche Streit zwischen Jean Louise und ihrem Vater Atticus. Dieses Gespräch rüttelt einen so richtig durch, tut beim Lesen weh. Gleichzeitig hatte ich hier das Gefühl – wie an vielen anderen Stellen auch -, dass es der Autorin mehr um das Thema, den Austausch von Argumenten und politische Theorie geht, als um subjektive Positionen. Die Figuren sind nur noch Überbringer einer Nachricht, Diskutanten und keine Romanfiguren mit Ecken, Kanten und Tiefe.

Eine gefällige Lektüre (ja, genau die habe ich nämlich auch gesucht) bot der Roman mir eigentlich nur, als die etwas unmotiviert eingesetzten Rückblenden den Leser mit in Scouts und Hanks Kindheit nahmen. Da blitzte der Zauber von Wer die Nachtigall stört wieder auf.

Bei mir bleiben nach der Lektüre viele Fragen. Leider nicht die Art Fragen, die einem zur Reflexion über das eigene Leben und die Zeit anregen, sondern typische Fragen: Wann hat hier wer lektoriert? Mit welcher Intention hat Harper Lee das Buch damals geschrieben? Wurde nachträglich geglättet, umstrukturiert? Wie?

Ich weiß aber, dass viele Rezensenten einfach nur begeistert von dieser Wiederentdeckung sind. Deswegen möchte ich hier auch auf die sehr lesenswerte Besprechung von Felicitas von Lovenberg in der FAZ verweisen: „Der zweite Hit der Spottdrossel“

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