Was macht eigentlich ein Lektor?

Ich glaube, dass mir in meiner Zeit als Lektorin in einem Verlag keine Frage so oft gestellt wurde, wie diese. Bevor ich antworten konnte, ging oft das Spekulieren los: Den ganzen Tag lesen? Autoren mit Verweis auf den Duden auf falsche Kommasetzung hinweisen?  Oder: Monatelang nur einen einzigen Autor intensiv betreuen und mit ihm Latte macchiato-trinkend über jedem einzelnen Satz brüten?

Die Antwort lautet aus meiner Erfahrung: Von allem ein bisschen und doch noch viel mehr.

Wenn es um die Aufgabenbereiche eines Lektors geht, darf folgender Hinweis nicht fehlen: Es gibt in der Buchbranche zwei Gruppen von Lektoren – Freie Lektoren und die in einem Verlag angestellten Lektoren (im Weitern zur Unterscheidung etwas unelegant „Verlagslektoren“ genannt).

Erster ist ein Freiberufler, d.h ein Verlag oder Autor (z.B. ein Self Publisher) engagiert einen Freien Lektor und bittet ihn, gegen Zahlung eines Honorars einen Text zu lektorieren. Ist der Autor für das zu lektorierende Buch bei einem Verlag unter Vertrag, spricht der Freie Lektor mit dem Verlagslektor ab, woran gearbeitet werden soll: Vor allem an Sprachlichem oder soll der Freie Lektor auch mit dem Autor am Plot arbeiten?

Ein Verlagslektor dagegen macht mehr als nur solche Textarbeit. Er ist der Ansprechpartner und Interessenvertreter des Autors im Verlag. D.h. er nimmt maßgeblich Einfluss darauf, wie ein Text in welchem Programmumfeld erscheint. Er ist oft bei Cover-Entscheidungen dabei, sucht den Titel für ein Buch (meistens zusammen mit Autor und z.B. dem Vertrieb), schreibt den Klappentext und gestaltet die Präsentation des Buches in der Vertriebsvorschau (Katalog, der Buchhändlern das Verlagsprogramm vorstellt). Der Verlagslektor ist ein Allrounder: Er textet selbst, bearbeitet Texte, hat den Buchmarkt im Blick (aktuelle Trends, neue Themen und Genres) und übernimmt die gesamte Kommunikation für einen Autor im Verlag.

Wenn die Chemie stimmt, können Verlagslektor und Autor ein unschlagbares Gespann abgeben und die Zusammenarbeit kann extrem viel Spaß machen.

Für den Autor ist der Verlagslektor Ansprechpartner Nummer eins: Das Verhältnis ist im Optimalfall von Vertrauen und Ehrlichkeit geprägt. Zu seinem Lektor muss ein Autor sagen können: „Das verstehe ich nicht.“, „Das finde ich doof vom Verlag.“. Und „Ich möchte XY nicht oder anders.“

Ein Verlagslektor dagegen kennt seinen Autor, seine Schwächen (besonders die textlichen) und weiß, wie er mit ihm umgehen und wo er ihm helfen kann. Als eher emphatischer und diplomatischer Mensch ist man für den Beruf des Lektors aus meiner Erfahrung deswegen besonders geeignet.

Wenn es dann von der generellen Autorenbetreuung an die Textarbeit geht, hat jeder Verlagslektor seinen eigenen Stil oder besondere Vorgaben vonseiten seines Verlages: Die einen konzentrieren sich auf den Plot, arbeiten vielleicht ausschließlich am Inhalt mit dem Autor und lagern das sprachliche Lektorieren (Redigieren genannt) an einen Freien Lektor aus; die anderen machen sowohl die inhaltliche aus auch die sprachliche Arbeit (was ich persönlich immer schwierig fand, weil man – ebenso wie der Autor – nach mehreren Überarbeitungsvorgängen blind für Details wird).

Der Autor wird bei der Überarbeitung seines Buches durch einen Lektor genötigt, sich bis ins Letzte mit seinem Text auseinanderzusetzen. Ein „Ich-hab-es-jetzt-geschrieben-und-dann-nehmt-das-Buch-auch-wie-es-ist!“ gilt im Normalfall nicht. Der Lektor fragt bei einem einfachen Absatz leider auch mal: „Muss der überhaupt sein? Inwiefern bringt dieser Textabschnitt die Geschichte voran?“. Und ein Autor denkt dann: „Korinthenkacker!“ und sagt: „Schaden tut der Absatz aber auch nicht.“

Am Ende wird in der Regel alles dann gut, wenn Textarbeit als Teamarbeit verstanden wird.

Wenn also alles gut läuft, macht die gemeinsame Arbeit aus einem guten Buch ein sehr gutes und aus einem unsicheren Autor einen selbstbewussten. Und genau das versuchen Lektoren bei jedem neuen Buch und jedem neuen Autor hinzubekommen.

 

www.deintextdeinbuch.de

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